LESEPROBE

        

 

 

(Seiten 235-240)

» Deborah?«
Meine Frage schien im glitzernden Staub des Zimmers zu versickern. Während ich gespannt lauschte, gruben sich meine Finger krallenartig in die Matratze. Mein Kopf dröhnte gegen die Stille an; vergeblich versuchte ich die immer wieder auftauchenden schwarzen Punkte vor den Augen wegzublinzeln.
»Deborah? Was ist denn los?« Endlich erreichten meine Worte ihr Ziel.
»Ohh..nichts. Alles okay, Tom«, hörte ich sie über den Gang rufen. Sie kicherte sogar ein wenig.
»Es war nur eine von diesen blöden Steinskulpturen. Eine Katze. Hat mich ganz schön geschockt das Biest. Im Dunkeln glaubte ich, sie sei leben…«
Ihre Stimme brach abrupt ab. Ebenso unvermittelt drang ein hoher Schrei zu mir herüber.
Was nun folgte, ließ mich daran zweifeln, in die Wirklichkeit zurückgekehrt zu sein. Träumte ich vielleicht noch oder wurde gerade ein Alptraum Wirklichkeit? Wie erstarrt saß ich auf dem Bett und hörte Deborahs spitze Angstschreie. Nun sprach blanke Panik und Entsetzen aus ihnen. Ich begann zu zittern. Jeder meiner Muskeln schmerzte vor Anspannung. Allerdings ließ erst ein anderes Geräusch meinen Adrenalinspiegel soweit ansteigen, dass ich mich förmlich aus dem Zimmer hinauskatapultierte.
Ein wildes Knurren und Fauchen. Das Fauchen einer wutentbrannten Katze.
Nackt wie ich war stürmte ich dem grässlichen Lärm entgegen.
Deborah lag halb im Bad und halb im Flur; mit wild fuchtelnden Armen versuchte sie verzweifelt, ihren ungeschützten Körper vor den scharfen Krallen ihres Angreifers zu retten.
Tascha- natürlich war es Tascha – ließ sich jedoch selbst von harten Zufallstreffern nicht ablenken. Wie eine Furie sprang sie immer wieder auf Kopf, Hals, Schultern, Rücken und Beine ihres Opfers und hinterließ dort rote, feucht glänzende Spuren.
Als ich sie erreichte, blutete Deborah bereits schon aus zahlreichen Wunden.
Noch im Laufen schrie ich meine Wut und Verzweiflung heraus.
»Neeeeiiiin!!! Tascha, hör’ auf, verdammt!!! Scher’ dich weg!!! Tascha!! Du gottverdammtes Geschöpf!!!!«                                                                                     
Die Angriffe gingen unvermindert weiter. Tascha konnte oder wollte offenbar nicht hören.
Ich bremste nur wenig ab.
Angesichts der Situation vergaß ich jeglichen Skrupel.
Ohne zu zögern packte ich das sich windende Tier, riss es von Deborahs Rücken und schleuderte es mit aller Kraft von mir. Ich spürte dabei kaum die wirbelnden Krallen, die meine Unterarme zerkratzten, auch nicht den tiefen Biss in das weiche Fleisch zwischen Daumen und Zeigefinger meiner rechten Hand.
Das schwarze Fellbündel flog seitlich durch den Flur, prallte an der Wand ab und blieb regungslos davor liegen. Schnell sprang ich zurück zu meiner immer noch schreienden Freundin. Ich umfasste sie möglichst sanft unter den Armen und zog sie dann vollends ins Bad hinein.
Die Tür fiel keinen Moment zu früh ins Schloss; nur wenige Sekunden später ertönte ein dumpfer Aufprall mit anschließendem Schaben und Kratzen.
Ein plötzlicher Schwindel ergriff mich; nur der langsam anwachsende Schmerz in meiner Hand bewies mir, dass ich nicht träumte. Die Szenerie war grausig: Vor mir lag Deborah gekrümmt auf dem Boden; auf den Fliesen hatte ihr Körper feine, wässrig- rote Blutspuren hinterlassen. Ihre Haut sah aus, als wäre sie von unzähligen Speerspitzen aufgerissen worden. Es schien fast keine Stelle zu geben, an der sie nicht blutete.
Und vor der Tür versuchte eine tollwütig gewordene Bestie vergeblich, das Holz mit ihren Krallen zu durchgraben.
Wie gelähmt wanderte mein Blick zwischen dem rot glänzenden Körper und der verschlossenen Tür hin und her, lediglich der hilflose Betrachter einer bizarren Situation.
Irgendwann, vielleicht schon nach ein, zwei Minuten, verstummte aber das dumpfe Aufprall- Geräusch des Angreifers. Erst jetzt gelang es mir, die Lage halbwegs zu begreifen.
Deborah war verletzt, sie brauchte Hilfe. Ich beugte mich zu ihr herab und legte ihr behutsam meine Hand auf eine nicht mit Blut verschmierte Stelle. Bei der Berührung verwandelte sich ihr leises Wimmern augenblicklich wieder in einen hohen Aufschrei.
Deborah zuckte zusammen, als hätte ich sie mit einem glühenden Eisen geschlagen.
»Nein!!..Weg, weg… nein… nein!!!«, schrie sie mit fest zusammengekniffenen Augen und schlug blind mit den Armen um sich. Für einen kurzen Augenblick erinnerte sie mich dabei an die zu Tode erschrockene Tipi Hedren in ›Die Vögel‹.
Ich fasste ihre wirbelnden Arme und setzte mich neben sie auf den Boden.
»Ruhig, Deb, ganz ruhig«, flüsterte ich ihr zu. »Ich bin’s… ich… es ist alles in Ordnung, verstehst du. Es ist alles wieder okay. Keine Gefahr mehr. Alles okay.«
Wie in einem Gebet wiederholte ich immer wieder die gleichen Worte, so, als könnte ich dadurch das Geschehene wieder rückgängig machen. Nur ganz allmählich wich die Verspannung aus ihren Gliedern. Zärtlich streichelte ich ihren Rücken und verteilte das Blut damit gleichmäßig über jede Stelle.
Zu meiner Erleichterung waren Taschas Biss- und Kratzspuren zwar zahlreich, aber nicht sehr tief. Keine Wunde würde eine bleibende Narbe hinterlassen. Der durch den Schock noch gesteigerte Schmerz wurde für Deborah dadurch aber nicht geringer.
Nach einiger Zeit fiel sie schließlich in einen erlösenden Schlaf.
Vorsichtig legte ich ihr ein Handtuch unter den Kopf und suchte im Arzeneischrank nach Desinfektionsmitteln und Verbandszeug.
Ich säuberte ihren Körper behutsam mit einem lauwarmen Waschlappen und betupfte die kleinen Risse und Schnitte mit in Jodtinktur getauchter Watte. Nur an einigen wenigen Stellen an der linken Schulter, am Oberarm und an der Wade, mussten die Verletzungen mit Pflastern versorgt werden.
Sie war noch einmal glimpflich davongekommen, dachte ich, obwohl ›glimpflich‹ sicher nicht das richtige Wort für ihren Zustand war.
Ich hatte gerade das letzte Pflaster auf eine breite Kratzspur geklebt, als Deborah schlagartig wieder erwachte. Mit riesigen, unverständigen Augen starrte sie mich zwei, drei Herzschläge lang an. Dann erst setzte ihre Erinnerung ein. Ihr ganzer Körper erschauerte wie im Fieber, das Gesicht wurde zu einer Maske des Entsetzens. Während sie mich weiterhin anstarrte, stieß sie einen lang anhaltenden, gellenden Schrei aus. Deborah schrie und weinte gleichzeitig.
Wieder hielt ich sie fest in meinen Armen.
»Diese Statue…«, stammelte sie abgehackt,»…sie… sie wurde plötzlich lebendig. Sie… was war das, Tom? … Tom, sie wollte mich… töten!! Was war das?«
Ich drückte sie noch fester an mich. »Hab’ keine Angst mehr«, versuchte ich sie zu beruhigen. »Dich hat kein Geist oder eine Statue angegriffen, es war nur eine Katze. Die Katze meiner Bekannten. Ich… weiß nicht, was in sie gefahren ist. Sie hat dich im Dunkeln vielleicht für einen Einbrecher gehalten, ich weiß es nicht. Tascha hat sich noch nie derart aufgeführt. Es tut mir so leid, Deb, wirklich. Es tut mir so schrecklich leid. Willst du, dass ich dich zu einem Arzt bringe?«
Deborah entwand sich meiner Umklammerung und stellte sich mit düsterem Blick vor den großen Spiegel über dem Spülbecken. Stumm betrachtete sie die notdürftig von mir behandelten Stellen. Mittlerweile waren viele der Kratzer zu weißlichen Linien mit roten Umfeldern angeschwollen. Deborah taumelte leicht; auch jetzt noch liefen ihr einige Tränen über die bebenden Lippen.
Während sie sich mit einer Hand schwer auf das Becken stützte, fuhr sie sich mit der anderen durch das nun noch wilder zerzauste Haar.
»Ohhh, heilige Scheiße!«, stöhnte sie. »Was für ein Geschöpf hat mir das angetan? Ich… ich verstehe das… nicht.«
»Soll ich dich zu einem Arzt bringen?«, fragte ich erneut. Sie schien mich kaum wahrzunehmen. Wie eine langsame Tänzerin drehte sie ihren nackten, geschwollenen Körper in einem fort vor dem Spiegel.
»Ich… verstehe es einfach nicht«, murmelte sie wieder vor sich hin. »Eigentlich mag ich Katzen, ich bin fast ein Fan von ihnen… und… und die Tiere spüren das meist auch, aber diese hier hat versucht, mich umzubringen. Ohne jeden Grund! Ich verstehe das einfach nicht!! Warum um alles in der Welt hat sie das nur getan, Tom? Was hat sie gegen mich?
Verdammt, ich liebe doch diese Biester!«
Ich wollte – konnte – ihr keine Antwort auf ihre Frage geben....

***

 

   

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